Landwirtschaft 

Für die Grafschaft Bentheim als ländlicher Raum mit vielen landwirtschaftlichen Betrieben sind politische Entscheidungen auf Landesebene von großer Bedeutung. Ich bin Lehrerin und keine Landwirtin, es wäre anmaßend zu behaupten, ich könnte unseren Landwirt:innen kluge Ratschläge erteilen. Im Gegenteil – ich bin auf die Gespräche mit den Landwirt:innen hier vor Ort angewiesen und habe größten Respekt für die harte und für uns alle überlebenswichtige Arbeit, die in der Landwirtschaft geleistet wird. Umso mehr freue ich mich über die große Offenheit seitens der Landwirt:innen, die vielen Informationen, die ich aus Gesprächen mitnehmen kann, den ehrlichen Einblick in konventionelle Höfe und das Interesse daran, gemeinsam an praktikablen Lösungen zu arbeiten.

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir alle – egal, in welcher Branche und in welcher Lebensphase wir uns gerade befinden – freiwillige Einschnitte und zusätzliche Kosten auf uns nehmen müssen, um das Ruder rechtzeitig vor einem klimatischen und sozialen Kollaps herumzureißen. Auch die Landwirtschaft muss und möchte ihren Beitrag zur Klimawende leisten. Die Herstellung von synthetischen Stickstoffdüngern ist extrem energieaufwändig und Humus zehrend. Indem Landwirt:innen individuelle Humusbilanzen aufstellen und mineralischen Dünger nur noch ergänzend und ausgleichend zur organischen Düngung nutzen, tragen sie bereits maßgeblich zur Klimawende bei. Wir müssen versuchen, den Einsatz von Pestiziden, Dünger und Antibiotika sowie den Ausstoß von klimaschädlichen Gasen in der Landwirtschaft weiter zu reduzieren, um die Umwelt möglichst wenig zu belasten. Regelmäßige individuelle Messungen von Nitratwerten im Boden können helfen, Düngemengen gezielt auszubringen. Auch die Ermittlung von Durchschnittswerten statt der Ausweisung roter Gebiete entlastet die deutschen Landwirt:innen in europäischen Vergelich. Der Anbau von Monokulturen führt zum fortschreitenden Rückgang der Artenvielfalt. Wir brauchen eine insgesamt ökologischere Landwirtschaft, von denen unsere landwirtschaftlichen Betriebe langfristig profitieren. Dies gelingt u.a. durch eine Bewirtschaftung der Flächen mit vielfältigen Fruchtfolgen und konsequenter Förderung des Humusaufbaus, die zur Stärkung der CO2-Bindung in unseren Böden und damit aktiv zum Klimaschutz beiträgt.

Eine Landwirtschaft, die größtmöglichen Wert auf das Wohl des Tieres legt, erfordert den staatlich unterstützen Umbau von Ställen und eine Tierwohlkennzeichnung der Produkte. Für die Umsetzung eines solchen Konzepts ist die Anpassung des Baurechts nötig: Die Privilegierung für flächengebundene Tierhaltung muss erhalten bleiben, die gewerbliche Tierhaltung muss begrenzt werden, so dass Tierhaltung statt auf Kraftfutter produzierendem (Kohlenstoff freisetzendem) Ackerland vorrangig auf (Kohlenstoff bindendem) Grünland basiert, denn Grünland leistet einen enorm wichtigen Beitrag zu Humusaufbau, Bodenfruchtbarkeit und Kohlenstoffspeicherung. Des Weiteren sollten wahrheitsgetreue Werbebilder auf Verpackungen verlässliche Auskunft über die Herkunft der tierischen Produkte bis zum endverarbeiteten Produkt geben.

Unsere Landwirt:innen dürfen in der Phase der Transformation nicht alllein gelassen werden, sondern sie brauchen und verdienen die solidarische Unterstützung von Staat und Verbraucher:innen. Alle öffentlichen Förderungen des Agrarsektors müssen eine einkommensstabilisierende Wirkung für bäuerliche Betriebe haben UND am Nutzen für Arten-, Trinkwasser-, Tier- und Klimaschutz gemessen werden. Dies kann nur durch eine Umstrukturierung bisheriger staatlicher Leistungen erreicht werden: Wir müssen klare finanzielle Brücken für umstellungsswillige Landwirte bauen und mittels langfristiger Verträge landwirtschaftlichen Betrieben ein gutes Auskommen sichern. Landwirt:innen müssen für ihre Produkte faire Preise erzielen.

All das erfordert auch ein Umdenken der Verbraucher:innen. Viele Menschen können sich nur die preiswertesten Nahrungsmittel leisten und müssen auf Billigimporte zurückgreifen. Finanzschwache Haushalte müssen mit höheren Regelsätzen sozialpolitisch unterstützt werden, damit sie die steigenden Preise zahlen können. Allerdings sparen viele von uns auch gerne an Nahrungsmittel, um sich ein wenig anderen Luxus zu gönnen. Wer sich leisten kann, regional hergestellte Produkte und regionale Bioprodukte zu kaufen, sollte dies auch tun und damit unsere Landwirt:innen vor Ort unterstützen und würdigen. An dieser Stelle sei angemerkt: In Deutschland liegen, gemessen an der Kaufkraft, die Aufwendungen für Lebensmittel am Haushaltseinkommen gerade bei Besserverdienenden weit unter dem Durchschnitt anderer Staaten. Auch dies ist ein Grund, warum Mio. Tonnen an noch genießbaren Lebensmitteln jedes Jahr weggeworfen werden.

Weitere wichtige Punkte:

  • Wir wollen sicherstellen, dass ortsansässige Landwirtschaftsbetriebe ein starkes Vorkaufsrecht gegenüber außerlandwirtschaftlichen Investor*innen haben und eine wirksame Preisbremse eingeführt wird.
  • Die gesellschaftlich gewünschte Weidetierhaltung kann nur zu höheren Kosten produzieren als die reine Stallhaltung. Dies muss mit einer Weidetierprämie für alle Weidetiere, auch für Milchkühe ausgeglichen werden, um den Prozess der schwindenden Weidehaltung umzukehren.
  • Milcherzeugende Landwirt:innen brauchen eine bessere Stellung im Markt benötigen. Schon 2018 haben wir gefordert, in der nationalen Anwendung des Artikels 148 der Gemeinsamen Marktorganisation die Lieferbeziehungen zwischen Erzeugerinnen und Erzeugern sowie Molkereien verbindlich über schrifliche Verträge zu regeln, die definierte Preise je kg Milch für eine bestimmte Mengein einem bestimmten Lieferzeitraum enthalten und zudem dafür plädiert, die Andienungspflicht aufzuheben.

„Wenn es uns gelingt, eine vielfältige, ökologische Landwirtschaft an attraktive Dorfläden und Cafés, nachhaltige Kita- und Schulmensen und einen angepassten öffentlichen Verkehr zu koppeln, machen  wir den ländlichen (Wohn-)Raum noch attraktiver und wirken dem Einwohnerschwund aktiv entgegen.“

Foto von Anna Rollero: Everhard Hüsemann